Aus der Sicht einer Fechterin

von Monika Sozanska, 26.04.2020

Das neuartige Coronavirus bringt Einiges mit sich. Nicht nur gesundheitliche Schäden drohen, sondern im schlimmsten Fall der Tod. Alle Lebensbereiche sind davon betroffen.  

Aber es gibt auch einen Weg, der uns helfen kann, mit dieser herausfordernden Situation besser umgehen zu können.  
 

Zu meiner Geschichte: Ich bin professionelle Fechterin. Ursprünglich war ein kurzer Urlaub auf Bali geplant und aus gegebenem Anlass ist Indonesien zu meinem zweiten Wohnsitz geworden.  

Wie jede andere Branche, wurde auch der Sport hart getroffen. Es finden keine Wettkämpfe mehr statt, es gibt keine Trainingsmöglichkeiten im Club und es finden keine Technikübungen mit dem Trainer statt. Der „Flow“ wurde gestoppt. Berufs- und Lebensplanung müssen neu strukturiert werden. Es müssen neue Prioritäten gesetzt werden und da die ursprünglichen Ziele nicht erreicht werden können, müssen auch diese neu festgelegt werden. 

Aber wie geht man mit all den Konsequenzen um? Wie geht man mit der Angst vor weiteren wirtschaftlichen und politischen Folgen um? Oder auch mit der Angst krank zu werden, mit noch unbekannten möglichen Spätfolgen? Es ist eine Zeit mit vielen Unsicherheiten und einer ungewissen Zukunft. Wir befinden uns in einer Extremsituation, in der einiges zusammenkommt, womit man fertig werden muss. 

 

Es besteht aber noch eine weitere Gefahr. Der zweite Feind, neben dem Virus, könnten wir für uns selbst werden. Eine ähnliche Situation kenne ich aus dem Sport. Während dich ein Gegner angreift, entsteht eine extreme Stresssituation. Man kämpft quasi stets ums „Überleben“. So fühlt es sich zumindest an. Auch aus wissenschaftlicher Sicht, finden im Körper eines Fechters, während eines Kampfes die gleichen biochemischen Vorgänge statt, wie bei Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden. 

Nach unzähligen Analysen und vielen schmerzhaften Erfahrungen kam ich zu der Erkenntnis, dass nicht meine Gegnerin, die eigentliche Konkurrentin, mein größtes Problem war, sondern ICH selbst. Wenn ich einen Kampf verlor, dann lag es meistens daran, dass ich zu sehr mit meiner Angst beschäftigt war, zu verlieren. Ich habe mir schlichtweg zu wenig zugetraut. Während eines Kampfes, oder sogar schon davor, kreisten meine Gedanken bereits um die negativen Konsequenzen im Falle einer Niederlage, anstatt meine ganze Konzentration auf das Hier und Jetzt und die eigentliche Herausforderung zu richten.  

 

Als ich meinen Fokus rein auf die Ziele lenkte, kam ich zu einem Wendepunkt. Ich musste einfach die Ängste und Unsicherheiten auf die Seite schieben, um mich voll und ganz auf das Geschehen auf der Fechtbahn und auf das zu konzentrieren, was ich gut kann. Ich habe plötzlich Lösungen für komplizierte Fechtaktionen gesehen und ich hatte wieder Mut Entscheidungen zu treffen. Stolperer haben mich eher dazu motiviert, noch härter an mir zu arbeiten und es nochmal zu versuchen, anstatt aufzugeben. Ich, mit einer Größe von knapp über 1,60 m konnte Gegnerinnen, die 2 m groß waren, vor ungläubigen Augen bezwingen und mich auch an manch anderen wieder mehrmals revanchieren. Nach dieser Erfahrung habe ich angefangen, tatsächlich an die Geschichte von David und Goliath zu glauben.

Diese positive Einstellung war ein enormer Energieschub, der mir zu einer langen Karriere und meinen größten Erfolgen, wie Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen verholfen hat.  

Das war der Beweis dafür, dass meine Einstellung einen gravierenden Einfluss darauf hat, wie ich Hindernisse bewältige, sei es die Größe und Stärke des Gegners oder meine eigenen Defizite.  

 

An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich rückblickend für alle Erfahrungen dankbar bin, da durch die Übungen im Fechtkampf mein Charakter geformt wurde. Ich wurde psychisch gut auf die Stresssituationen im Alltag vorbereitet oder eben auch auf eine Extremsituation wie die Pandemie 2020. 


Angst macht blind und es ist nicht leicht diese Angst unter Kontrolle zu bekommen. Negative Gedanken und Gefühle bedürfen ihrer Aufmerksamkeit und Konzentration, um lebendig zu bleiben. Wäre es dann nicht sinnvoller diese Energie in die Strategien zur Problemlösung und neue Zukunftsplanung zu stecken und auf das zu konzentrieren, für was man dankbar sein kann?  


Die Situation ist tragisch, ja. Aber ein Fechter stellt sich auch nicht auf die Planche und lässt sich kampflos abstechen. Es macht keinen Sinn. Selbst wenn ich gegen eine vermeintlich bessere Gegnerin antreten musste, war das Endziel stets zu gewinnen. Das Mindestziel sollte aber sein, eine gute Performance abzuliefern und gute Treffer zu setzen, um neue Erkenntnisse für die Zukunft zu sammeln. 

In diesen Zeiten ist solch eine Fechtereinstellung sehr hilfreich. Wir müssen lernen flexibler und kreativer zu werden; eine positive psychische Grundeinstellung sollte die Basis sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass wir uns selbst blockieren. Ich denke, ein Versuch in die Richtung ist es wert. Wie ein Fechter, der sich immer wieder neu auf seine Situation einstellen muss. Er kann sich den Gegner auch nicht aussuchen. Er muss die Situation zuerst annehmen und strategisch den Kampf angehen. Planung ist dabei wichtig. Dazu muss man seine Ideen anpassen. Das langfristige Ziel zu gewinnen, basiert auf der kurzfristigen Treffer-für-Treffer-Taktik. Zwischenkontrollen und Endanalysen helfen dabei Fehler zu minimieren und künftige Wege zu optimieren.  

 

Dieser Lebensabschnitt bringt neue Rahmenbedingungen mit sich, die wir akzeptieren und an die wir uns anpassen müssen. Um diese Krise zu bewältigen muss man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und dabei helfen kleine Schritte. Dadurch haben wir auch die Chance unser persönliches Potential zu entfalten. 


Ich glaube daran, dass in jedem Einzelnen von uns mehr steckt. 


Liebe Grüße aus Bali, 

Monika Sozanska

Links zu Monika Sozanska